<h1>Natur und Kunst</h1>
<div>
<p><em>Natur und Kunst</em>, sie scheinen sich zu fliehen<br />
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;<br />
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,<br />
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.</p>
<p>Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!<br />
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden<br />
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,<br />
Mag frei <em>Natur</em> im Herzen wieder glühen.</p>
<p>So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:<br />
Vergebens werden ungebundne Geister<br />
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.</p>
<p>Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;<br />
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,<br />
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.</p>
</div>
<h3 class="author"><em>Johann Wolfgang von Goethe</em> <em>(1749-1832)</em></h3>